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In 100 Jahren werden wieder Kerzen brennen – von Hans Hollerweger, Linz im Heft von ICO Nov.2015


Mar Elian von Qaryatayn in Syrien - Foto: AINA

 

In 100 Jahren werden wieder Kerzen brennnen …..

….. zur Erinnerung an die Gegenwart

Beim Gedenken an den Völkermord an den Armeniern brannten erst vor kurzem an manchen Orten 100 Kerzen, um zu erinnern, was 100 Jahre zuvor an den armenischen und syrischen Christen geschehen war. Es sollte nicht vergessen sein, was 1915 geschah – und nicht wieder geschehen sollte.

Gegenwärtig  sind wir im Jahre 2015 Zeugen einer ähnlichen Katastrophe: in Syrien und im Irak, in Afghanistan und in Afrika und Asien. In vielen Ländern, in denen die Muslime die Mehrheit haben, werden Christen wegen ihres Glaubens verfolgt, entführt, aus ihrer Heimat vertrieben und ermordet. Fachleute sagen: alle fünf Minuten wird weltweit ein Christ wegen seines Glaubens getötet. Vom grausamen Vorgehen der Terrormiliz IS (“Islamischer Staat”) in Syrien und im Irak gegen Christen und andere Minderheiten hören wir ständig in den Medien. Was sich aber im Sudan, im Iran, in Nordkorea und in vielen anderen Ländern an Grausamkeiten ereignet, davon hören wir wenig. Wie viele Christen sitzen dort unschuldig in Gefängnissen oder in Arbeitslagern und sind ständig dem Tod ausgeliefert. Millionen Christen sind weltweit auf der Flucht, weil sie unter solchen Umständen in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sehen.

In vielen Ländern gibt es faktisch keine Religionsfreiheit, obwohl sie in den Gesetzen theoretisch festgeschrieben ist. Von den 100 Millionen unterdrückten Menschen sind 80 Millionen Christen. So könnte man fortsetzen, aber das ist nicht mein eigentliches Anliegen.

Der syrisch-orthodoxe Patriarch von Antiochien, Ignatius Aphrem II., stellte bei einem Treffen im Mai die Frage, ob weitere hundert Jahre abgewartet werden müssen, wie beim Genozid der Armenier, “bis die Welt reagiert und aufhört, sich die Hände vom Blut unserer Leute abzuwaschen”. Ja, in 100 Jahren wird man Kerzen anzünden und Gedenkfeiern veranstalten, um sich zu erinnern, was sich in unserer Zeit ereignet – damit es nicht mehr geschieht.

Fehlende Solidarität

Die erste beschämende Tatsache ist, dass diese größte Christenverfolgung aller Zeiten die Christen in den wohlhabenden Ländern im Allgemeinen wenig interessiert. Es fehlt die Solidarität mit den christlichen Schwestern und Brüdern, die verfolgt und unterdrückt werden. Paulus schrieb an die Christen von Korinth: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit“ (1 Kor 12,26). Davon kann man weithin wenig spüren! Wenn man materiell nicht helfen kann, soll es wenigstens im Beten eine spürbare Solidarität geben: in den Fürbitten der Messe, in Gebetsstunden, in Wallfahrten …

Der Westen schaut zu

Die zweite beschämende Tatsache ist die schwache Reaktion der Politik in den westlichen Ländern. Die katastrophale Lage in Syrien und im Irak ist weithin eine Folge von Fehlern und Fehleinschätzungen in der Vergangenheit. War Syrien wirklich ein „Schurkenstaat“? Es gab Missstände und Probleme, wer aber das Land vor einigen Jahren kannte, kann sich mit dieser schändlichen Bezeichnung nicht identifizieren. Und niemand hat im Irak Giftgas gefunden!

Jetzt hat Europa die Last der Flüchtlingsströme zu bewältigen, wobei die kleinen Nachbarländer Libanon und Jordanien unvergleichlich größere Lasten zu tragen haben. Wäre es nicht sinnvoller und wirksamer, den Flüchtlingsstrom dort auszutrocknen, wo er seinen Ursprung hat? Wenigsten in Syrien und im Irak?

Notschreie aus dem Orient

Wiederholt haben der chaldäische Patriarch Louis Raphael I. Sako und andere hohe Kirchenführer den Westen aufgerufen, nicht zuzuschauen, sondern einzugreifen. Vergeblich! Nur eine Stimme sei genannt: Der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Joussef III. Younan hat kurz nach der Zerstörung des Klosters Mar Elian durch die IS gefragt: „Bis wann wird die sogenannte zivilisierte Welt sich noch in mitschuldig werdendem Schweigen üben angesichts des durch diese Barbaren verursachten Horrors? … Wie können Staaten, die sich als Verteidiger der Menschenrechte verstehen, die Augen verschließen vor solchen Abirrungen der Menschlichkeit wie Enthauptungen, Versklavung und Vergewaltigung von Frauen und Kindern?“ … Nicht die Stärke der IS-Kämpfer, sondern die Schwäche und Uneinigkeit der „Zuschauer“ führt zu den Erfolgen der IS und zu den Flüchtlingsströmen!

In 100 Jahren wird man Kerzen anzünden zur Erinnerung an die Vertreibung der Christen aus dem Orient, an die derzeitigen Flüchtlingsströme in aller Welt, an die Toten im Mittelmeer,  an die Gräueltaten der IS! – damit man gegen das Vergessen etwas unternimmt und solches nicht mehr geschieht – wovon wir täglich Zeugen sind.

Hans Hollerweger

Quelle: Hans Hollerweger hat diesen Artikel im neuen Heft der Initiative Christlicher Orient ICO im November 2015, 15. Jahr, Nr.60, S. 6  veröffentlicht. Er gab seine Zustimmung, diesen Artikel auch auf unserer Website zu veröffentlichen. Vielen Dank!

 

 

Zerstörung von Mar Elian durch die IS  -   Foto: AINA


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