SPENDENKONTO: Evangelischer Oberkirchenrat Stuttgart - Evangelische Bank eG - BIC: GENODEF1EK1 - IBAN: DE66 5206 0410 0000 4001 06 - Stichwort: Nordirak 8950

Aktuelle Artikel

// zu den empfohlenen Beiträgen
Notizen von der 20. Jahrestagung 2012


Solidaritätsgruppe Tur Abdin und Nordirak

„Religionsfreiheit verteidigen – Christen schützen“

20. Jahrestagung und Feier des 20-jährigen Jubiläums


Notizen von Dr. Thomas Abraham

 

Vom 24. bis 25. Februar 2012 fand in der Evangelischen Akademie Tutzing die

20. Jahrestagung der Solidaritätsgruppe Tur Abdin und Nordirak statt, die anlässlich des

20-jährigen Bestehens mit einem festlichen Empfang gefeiert wurde. Die Tagung stand

unter dem Motto „Religionsfreiheit verteidigen – Christen schützen“.

Unter den zahlreichen prominenten Gästen aus Politik, Kirche, Vertretern von

deutschen, europäischen und assyrischen NGOs begrüßte Pfarrer Horst Oberkampf in

seiner Eröffnungsrede die Ehrengäste und Redner der Veranstaltung – aus dem Kloster

Mor Gabriel Erzbischof Timotheus Samuel Aktas, Isa Gülten, Isa Dogdu, und den

Vorsitzenden der Stiftung Mor Gabriel Kuryakos Ergün; aus Holland Erzbischof

Polikarpos Augin Aydin; aus dem Irak Janet Saleem Al-Kes, Vorsitzende des

Frauenvereins Etana sowie Pfarrer Schmuel Nihad Maqdis von der Apostolischen Kirche

des Ostens und schließlich Prof. Bielefeldt, Sonderberichterstatter der UNO Menschenrechts-

kommission und Dozent für Menschenrechte an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Pfarrer Oberkampf zeichnete ein kurzes Bild der aktuellen Lage der Assyrer im Tur

Abdin, die unter der Unsicherheit angesichts der weiterhin laufenden Prozesse gegen das

Kloster leiden, und der Situation im Nordirak, wo nach dem Abzug der US-Truppen die

Konflikte zwischen den muslimischen Konfessionen wieder aufflammen und auch die

christliche Minderheit vermehrt ins Visier von Anschlägen und Gewalt gerät.

 

Zum Motto der Veranstaltung „Religionsfreiheit verteidigen – Christen schützen“

umriss Thomas Prieto Peral, Kirchenrat der Evangelischen Landeskirche Bayern (ELKB)

und Vorstandsmitglied der Solidaritätsgruppe Tur Abdin und Nordirak (SGTA) die

Bedeutung der jüngsten Ereignisse und Machtwechsel im Nahen Osten für die

Demokratieentwicklung in der Region sowie ihre möglichen Auswirkungen auf die

christlichen Minderheiten in den jeweiligen Ländern.

Er unterstrich die Notwendigkeit für die Christen im Orient, an den gesellschaftlichen

Veränderungen Seite an Seite mit den gemäßigten und liberalen muslimischen Mehrheiten

teilzunehmen und so an einer politischen und gesellschaftlichen Neugestaltung

mitzuwirken. Dabei sehe sich die SGTA als Mittler und Netzwerk mit den Kirchen des

Ostens weiterhin ihrer Verantwortung für die Menschen in Bedrängnis verpflichtet.

 

Pfarrer Schmuel Nihad Maqdis aus Bagdad von der Apostolischen Kirche des

Ostens sprach Grußworte im Namen des Erzbischofs Mar Gewargis Sliva und schilderte

in seinem Bericht die Widrigkeiten, welchen er als Priester in Bagdad gegenübersteht.

Als ein Hauptproblem führte er das Fehlen von Respekt und Verständnis für das

Gegenüber zwischen den Religionen und Völkern im Irak an; als Priester müsse er eine

Gemeinde führen, die sich nicht länger als gewünschter Teil der Gesellschaft sieht.

Priester als exponierte Führer würden entführt und oder getötet. Vor 2003 habe die

Diozöse in Bagdad noch 6000 Familien mit etwa 24.000 Personen gehabt, mittlerweile

seien nur mehr 4000 Personen verblieben.

Pfarrer Schmuel, Bagdad l.) und Frau Janet, Telskof r.)

Janet Saleem Al-Kes, Vorsitzende des Frauenvereins Etana aus Mossul, berichtete

in ihrem Vortrag über die Situation der Frauen im Irak, welche sich seit Beginn der

amerikanischen Invasion dramatisch verschlechtert habe. Bildung, Arbeit und elementare

Rechte seien nicht mehr gewährleistet, hingegen bestimme die Scharia das Leben aller

Frauen im Irak. Auch im demokratischeren Nordirak unter der kurdischen

Autonomieregierung sei die Situation trotz eindeutiger Gesetzeslage nicht wesentlich

besser. Weiterhin schilderte Frau Saleem die Arbeit ihrer Organisation, die ökonomische,

politische, berufliche und medizinische Weiterbildung für Frauen im Irak organisiere.

 

In der folgenden Diskussion gaben die Redner Informationen zur Anzahl

assyrischer Flüchtlinge aus dem Irak innerhalb des Irak sowie in Syrien, Jordanien und

Europa und wiesen auf den eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Eingreifen der

Westmächte im Orient hin, welches die Auslöschung des Christentums im Orient zur

Folge gehabt habe.

 

Erzbischof Timotheus Samuel Aktas aus dem Kloster Mor Gabriel schilderte in

seiner Rede die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit; hier standen die laufenden Prozesse

gegen das Kloster im Vordergrund. Der Erzbischof wies auf zahlreiche Unregelmäßigkeiten

in den Verfahren hin und schilderte die politischen Hintergründe der Vorwürfe gegen das

Kloster. So sei er in einem persönlichen Treffen mit den türkischen Staatsoberhäuptern

Erdogan und Gül darauf hingewiesen worden, dass das Engagement der Assyrer in der

Diaspora zur Anerkennung des Völkermordes mit ursächlich für die juristischen

Anschuldigungen gegen das Kloster seien.

Weiter berichtete er über die zahlreichen Unterstützungen, welche das Kloster von Seiten

europäischer Politiker, Diplomaten, Kirchen und NGOs in dieser Angelegenheit erfahren

habe.

Erzbischof Timotheos mit einigen Teilnehmern der Tagung Foto: Nuri Ayaz

Im Weiteren berichtete der Erzbischof auch über positive Ereignisse im Tur Abdin, so die

Wiedereröffnung des Klosters Mor Augin, die Wahl des assyrischen Abgeordneten Erol

Dora in das türkische Parlament, die Renovierungsarbeiten an zahlreichen Kirchen, welche

für Gottesdienste wieder zur Verfügung stünden sowie mehrere Symposien in der Region

zur Lage der Assyrer bzw. anderer ethnischer und religiöser Minderheiten in der Türkei,

wo auch offen über den Völkermord diskutiert wurde.

Die Kontroverse um das Geschichtsbuch für die türkischen Schulen, welches Assyrer als

Aufständische und Volksverräter bezeichnet, die weiterhin nicht existente Rechtssicher-

heit von Assyrern, die Opfer von Übergriffen werden und die Prozesse gegen

das Kloster ließen ihn skeptisch bleiben ob der positiven Veränderungen für Christen in

der Region und stelle für ihn die Aufrichtigkeit der politischen Reformen in Frage.

Der Erzbischof schloss mit einem herzlichen Dank und Gratulation an die SGTA für 20

Jahre moralische und materielle Unterstützung und Hilfe und bezeichnete die positiven

Entwicklungen im Tur Abdin auch als die Früchte der Arbeit der SGTA.

 

Der erste Tag schloss mit einem festlichen Empfang, der von kurzen Ansprachen

und musikalischer Begleitung durch die Sängerin Linda Hadiko und den Oud-Spieler Aziz

Behnan umrahmt war.

Pfarrer Oberkampf schilderte kurz die Entstehung der SGTA durch den Kontakt zu Dr.

Hans Hollerweger und dessen Arbeitskreis „Freunde des Tur Abdin“ 1991. Bei einem

ersten Treffen in Augsburg Anfang 1992, das von Issa Hanna und Abdulmesih

BarAbraham organisiert worden war und zu welchem auch Isa Gülten vom Kloster Mor

Gabriel und Pfarrer Bitris Shushe aus Augsburg eingeladen waren, wurde über die

Gründung der neuen Initiative diskutiert. Schließlich gab Pfarrer Oberkampf einen

Rückblick auf zwei Jahrzehnte von Reisen, Begegnungen und Projekte, der von einer

Diapräsentation begleitet war.

 

Anschließend sprach Prof. Heiner Bielefeldt über die rechtliche Situation von

religiösen Minderheiten in der Türkei. Dabei gliederte er die vorherrschenden Probleme in

solche struktureller Art, wie fehlende Infrastruktur zur Ausübung einer Religion als

Minderheit sowie die bürokratischen bzw. juristischen Behinderungen zum Aufbau

solcher Strukturen. Dem gegenüber stünden Probleme gesellschaftlicher Art, wie etwa ein

Klima von Ausgrenzung, Misstrauen und Hysterie gegenüber Andersgläubigen.

Die internationale Kritik an Menschenrechtsverletzungen bezeichnete er als notwendig, da

die aus völkerrechtlicher Sicht für alle Nationen bindend seien, unterstrich aber, dass

gesellschaftliche Veränderungen zu einer liberaleren Gesellschaft aus dem Inneren dieser

selbst kommen müssten.

Prof. Heiner Bielefeldt hält uns den Festvortrag Foto: E.L Vatter)

Schließlich schilderte er als einen Konfliktpunkt die verschiedenen Betrachtungsweisen

von Minderheiten in der Türkei. Er stellte dabei das alte hierarchisch-pluralistische Millet-

System des Osmanischen Reiches dem kemalistischen Konzept eines egalitären

Pluralismus gegenüber, welches keinen Platz für Minderheiten biete. Dass Minderheiten

überhaupt existieren, sei nach dieser Auffassung eine Auflage des Lausanner Vertrages,

was den Umgang mit den Minderheiten erschwere. Diesen Konzepten stehe schließlich

das internationale Verständnis von Menschenrechten gegenüber.

Anschließend übermittelte Oberkirchenrat Michael Martin von der ELKB

Grußworte und gab einen Rückblick auf die Zusammenarbeit der SGTA mit der

Evangelischen Kirche.

Der Abend endete mit einem Schlusswort von Erzbischof Timotheus, welcher der

SGTA für die lange Freundschaft und Solidarität dankte.

Er schilderte kurz die extrem schwierige Situation für die Assyrer im Tur Abdin in den

80er und 90er Jahren und die unschätzbaren Hilfe der SGTA, die in dieser dunklen Zeit

den Menschen der Region eine Perspektive für die Zukunft gegeben habe.

 

Der zweite Tag begann mit einer gemeinsamen ökumenischen Morgenandacht.

Im anschließenden Podium mit Janet Saleem Al-Tes, Isa Gülten und Prof.

Bielefeldt unter der Moderation von Pfarrer Johannes Minkus von der ELKB wurde über

Zukunftsperspektiven für die Christen im Nahen Osten diskutiert. Dabei stellten die

Podiumsteilnehmer die Situation trotz der aktuellen Revolutionen und Machtwechsel als

eher düster dar – der Arabische Frühling sei ein Islamischer Frühling und der zunehmende

Tribalismus im Nahen Osten sei eine Konsequenz aus der Destabilisierung bzw. dem

verlorenen Vertrauen in öffentlichen Institutionen.

Die einzige Chance für Christen in der Region sei die Zusammenarbeit mit den gemäßigten

und liberalen muslimischen Kräften sowie den anderen Minderheiten, um an der

demokratischen Neugestaltung der Gesellschaften mitzuwirken. Die Bedeutung von

Solidarität zwischen den einzelnen Ostkirchen wurde dabei als essentiell unterstrichen,

ebenso die Unterstützung durch Institutionen und Kirchen aus Europa.

 

Die Tagung wurde von Pfarrer Horst Oberkampf mit einem Dank für die Zusammenarbeit

und Unterstützung beschlossen.

Das gegenwärtige Leitungsteam der "Solidaritätsgruppe"

 


Bildergalerie

Youth GatheringsWomen programs 2Women programs 1Syriac CoursesEtana CentreEnglish Courses