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Gedanken zum Jubiläum von Horst Oberkampf


Die "wunderschöne" Brücke in Zakho - "Dalele"

Vorbemerkung: Im Rahmen eines festlichen Empfangs , der aus Reden, Bilder, Musik und einem festlichen Essen bestand, wurden auch verschiedene “Grussworte” gesprochen. Horst Oberkampf hat fünf Gedanken, also eine Hand voll, zu Beginn vorgetragen.

 

Verehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Freundinnen!

Gedanken zum Jubiläum – so heißt es in der Einladung zum „Empfang“. Fünf  sollen es sein, eben eine Hand voll, vorausgesetzt, es wird nicht zu lang!

Mein erster Gedanke: Unsere „Solidaritätsgruppe Turabdin und Nordirak“ wird 20 Jahre alt. Ist das ein Grund zu feiern? Eigentlich nicht

und doch auch wieder. 20 Jahre – was ist das schon im Vergleich mit unserer Kirchengeschichte, im Vergleich z.B. mit dem syrischen Kloster Mor Gabriel, das 397 n.Chr. gegründet wurde oder im Vergleich mit dem syrischen Kloster Mar Mattai im Nordirak, das 344 n.Chr. gegründet wurde. Wir müssten fast ein wenig rot werden, schon nach 20 Jahren Geburtstag zu feiern.

Und doch – warum eigentlich nicht! Wenn Menschen sich 20 Jahre lang für andere Menschen, für ihre Glaubensgeschwister, für ihre Freunde im Turabdin und im Nordirak einsetzen, dann darf das nach so einer relativ langen Zeit auch erwähnt und ein wenig gefeiert werden. Wir haben Höhen und Tiefen, Hoffnung und Verzweiflung, Flucht und Bleiben und sogar auch Wiederkommen erlebt. Wir haben unsere Freunde in diesen Situationen aufgesucht, haben sie begleitet, haben mit ihnen gesprochen. Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir ihnen geholfen, und haben dadurch Zeichen der Hoffnung geben können. Und vor allem: Wir haben ihnen das Gefühl vermitteln können, dass sie nicht vergessen sind. Zuhause haben wir auf sie aufmerksam gemacht, haben von ihnen erzählt, haben über sie geschrieben, haben unsere Kirchen und unsere Politiker für diese Menschen im Turabdin und im Nordirak sensibilisiert.

So gesehen sind 20 Jahre wenig und viel, wie Lothar Zenetti einmal in einem Gedicht sagte.

 

Mein zweiter Gedanke: Wie ist die Solidaritätsgruppe eigentlich entstanden? Prof. Dr. Hans Hollerweger aus Linz schrieb mir am 9.12.1991 einen Brief, in dem u.a. stand: „Ich war vor 14 Tagen bei den syrischen Christen in Augsburg und erhielt von ihnen Ihren Bericht über den Besuch des Turabdin im vergangenen Juli 1991. Da ich in Linz einen kleinen Kreis gebildet habe, der sich „Freunde des Turabdin“ nennt, wäre es sicher gut, wenn man voneinander wüsste, Aktivitäten koordinieren und sich auch gegenseitig helfen würde, wenn es notwendig ist“.

Ich antwortete ihm: „Ich würde es auch begrüßen, wenn wir uns einmal mit unseren Freunden in Augsburg zu einem Erfahrungsaustausch und auch zu einer Absprache von Projekten in Augsburg treffen könnten“. Oft dachte ich damals an ein Lied, das mich über die Jahre begleitete: Einsam bist du klein, aber gemeinsam können wir Anwalt des Lebendigen sein, einsam bist du klein, aber gemeinsam…“

Sie sehen, die Solidaritätsgruppe lag in der Luft, sie musste nur gegründet werden. Wir trafen uns in Augsburg mit einigen Freunden. Wenn ich das noch recht weiß, war auch Malfono Isa Gülten vom Kloster Mor Gabriel mit dabei. Klar war uns: Wir wollen eine Gruppe, wir wollen uns um die Belange der syrischen Christen kümmern, wir wollen eine Lobby für den Turabdin bei uns aufbauen, wir wollen die Situation im Turabdin bekannt machen und noch vieles mehr. Klar war auch, dass wir jährlich eine Tagung zu Fragen des Turabdin und später auch zum Nordirak anbieten wollen. Die erste Jahrestagung fand in der Paulus Akademie in Augsburg am 19./ 20. Februar 1993 statt.

Hans Hollerweger und ich, wir waren viele Jahre lang die Sprecher der gegründeten „Solidaritätsgruppe“. Wir haben mit unseren Freunden hier vieles miteinander gemacht: Besuche im Turabdin organisiert, Briefe an Politiker geschrieben, Projekte durchgeführt, Jahrestagungen geplant und gestaltet. Die gemeinsame Arbeit hat uns beide miteinander verbunden. Hans Hollerweger ist für mich ein ökumenischer Freund geworden. Danke, Hans für vieles!

Unsere Wege gingen im Jahr 2004 auseinander, aber nicht im Streit – Nein! Du wolltest Dich in Österreich ganz auf Euer eindrucksvolles Werk ICO (Initiative Christen im Orient) konzentrieren.

Zwei alte Bekannte: Malfono Isa Gülten und Hans Hollerweger Foto: Nuri Ayaz

Wir wollen Dir nachträglich noch zu Deinem hohen Geburtstag am 13. Februar herzlich gratulieren, wünschen Dir Gesundheit und Gottes Segen auf all’ Deinen Wegen, die Du für die Christen im Orient unterwegs bist. Musik von Wolfgang Amadeus Mozart möge Dich begleiten! Wir haben sie gewählt, weil Karl Barth, der große protestantische Theologe als Musikliebhaber einmal sagte: Er sei sich sicher, wenn die Engel zum Lobe Gottes spielen, dann spielen sie Musik von Johann Sebastian Bach. Wenn die aber unter sich sind, dann spielen sie Mozart und der liebe Gott wird ihnen besonders gerne zuhören.

Mein dritter Gedanke: Noch ein Gesichtspunkt gehört dazu, der uns nach 20 Jahren ein wenig innehalten lässt und dies wiederum mit Fug und Recht: Wir haben eigentlich nie aufgegeben, auch wenn wir einmal ganz nahe dran waren. Mancher wird sich daran erinnern! In den Jahren 2004 und 2005 wurde intensiv über die Frage diskutiert: Ist die „Solidaritätsgruppe“ noch notwendig? Soll sie weiter bestehen? Das Ergebnis damals war, dass die Gruppe weiter bestehen soll, weil sie notwendig ist, so hieß es. Das wurde uns auch ganz deutlich von unseren Partnern, von unseren Freunden und von den Betroffenen gesagt. Freunde benötigt man in guten und weniger guten Zeiten, sagten sie. Freunde dürfen doch nicht einfach gehen, hieß es. Das machte uns nachdenklich

Ein weiteres Ergebnis damals war, dass der „Nordirak“ mit in unseren Namen aufgenommen werden soll. Seitdem heißen wir „Solidaritätsgruppe Turabdin und Nordirak“. Der Blick soll und darf nicht nur auf den Turabdin gelenkt werden, hieß es – das könnte mit der Zeit auch eine Engführung darstellen. Mit Nachdruck wurde gesagt, dass unsere Arbeit auf die Christen im Nordirak ausgeweitet werden soll. Die Herausforderungen im Nordirak waren und sind nach dem Krieg 2003 so gross und so bedrängend. Wir konnten uns dieser Aufgabe nicht entziehen.

Ich sagte vorhin: Wir haben nie aufgegeben. Dann möchte ich jetzt noch hinzufügen: „Wir haben auch einen langen Atem“. Solidaritätsarbeit, also das Einstehen für andere, die einem am Herzen liegen, braucht einen langen Atem und immer wieder auch einen „neuen Mut“.

Mein vierter Gedanke: Wann haben wir als Solidaritätsgruppe schon mal die Gelegenheit, danke zu sagen. Ich denke: Hier und jetzt! Deshalb möchte ich an dieser Stelle allen herzlich danken, die damals mitgeholfen haben, unseren Weg im Turabdin und im Nordirak zu unterstützen. Meiner Landeskirche in Stuttgart gilt dieser Dank – immer wieder wurden Projekte ermöglicht – und dann danke ich der Bayrischen Landeskirche. Sie hat durch gemeinsame Besuche und Projekte wesentlich zur Ausweitung und Stabilisierung dieser Arbeit vor allem im Nordirak beigetragen. Auf beide Landeskirchen war und ist Verlass; man durfte immer wieder mit beiden rechnen. Ich hoffe, es wird so bleiben. Ich bitte herzlich darum!

Auch auf unsere Partner in beiden Ländern war Verlass – auf beide Erzbischöfe im Turabdin: Erzbischof Timotheos Samuel Aktas  und Erzbischof Filoxinus Saliba Özmen und ihre Mitarbeiter. Sie nahmen uns an, wie wir sind. Sie freuten sich, wenn wir ihnen gegenüber saßen und sie nicht vergessen haben. Sie akzeptierten unsere Hilfe. Viele Freunde haben wir dort!

Auch im Nordirak ist das so. Hier denke ich vor allem an die beiden Hilfsorganisationen, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten: „Christian Aid“ CAPNI und „Assyrian Aid“ AAS. Beiden Organisationen gilt unser herzlicher Dank für die gute Zusammenarbeit und allen, die dort mitarbeiten. Eine Person möchte ich heute besonders erwähnen und danken: Erzdiakon Emanuel Youkhana, bei uns heißt er kurz abuna Emanuel. Abuna, Du warst für uns der wohl wichtigste Kontakt im Nordirak. Du hast Schlüssel besessen, mit denen du uns Türen aufgeschlossen hast. Wenn Du nicht gewesen wärst, wäre unsere Solidaritätsarbeit nicht so geworden, wie sie heute ist. Vielleicht hätten wir gar keinen Fuss auf den Boden gebracht. Dir gilt heute mein besonderer Dank. Gott segne Dich weiterhin, abuna und Deine Familie und gebe Dir gute Gesundheit.

Mein fünfter Gedanke: Ich habe mich gefragt, über was hast du dich im Rückblick besonders gefreut und was hat dich traurig gemacht, was hat dich enttäuscht. Dazu einige Stichworte: Gefreut hat mich ganz stark, dass Familien, die vor Jahren ihre Heimat, den Turabdin als Flüchtlinge verlassen mussten, in den letzten Jahren als Rückkehrer in ihre Heimat wieder zurückkamen. Ich war zutiefst enttäuscht und hätte heulen können, als am 3. November 1993 das wunderschöne und reiche Dorf Hassana trotz vieler internationaler Proteste geräumt werden musste. Es ist heute vermint und Sperrgebiet.  Tief traurig war ich, als um Mitternacht am 4. Advent 1994 der Arzt Dr. Eduard Tanriverdi vor seiner Haustür erschossen wurde und dass es nicht möglich war, für seine Frau und seine Kinder eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Ich hatte damals mit unserem Bundesaußenminister in Bonn, Herrn Dr. Klaus Kinkel einen persönlichen und intensiven Briefwechsel. Aber es gelang nicht, dass er als Politiker über seinen Schatten gesprungen wäre. Es ging doch um Menschen in Todesangst. Ich war einfach traurig, dass ich das einem Politiker nicht vermitteln konnte.

Im Nordirak freue ich mich, dass so manches Projekt Früchte trägt – ich denke an das Flüchtlingsdorf Hawresk, an die Ausbildung manch armer Jugendlicher, die während ihres Studiums mit unterstützt wurden. Und ich freue mich über die vielen aktiven Frauen, die Verantwortung übernehmen und am Aufbau des „neuen Irak“ mitwirken wollen. Ich bin traurig darüber, dass die Akzeptanz der Christen und anderer religiöser und ethnischer Minderheiten in der irakischen Gesellschaft oft auf sehr wackeligen Füßen steht. Erschrocken bin ich zutiefst, als ich in Kirkuk einen Anschlag ganz in meiner Nähe mit erlebte. Leben zwischen Angst und Hoffnung, das ist leider immer noch die Realität im Irak.

Zum Schluss – das hat mich sehr gefreut. Es ist ein Brief von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse aus Berlin. Er schrieb uns am 26. September 2011: „Ich nehme dieses Schreiben gerne zum Anlass, Ihnen und allen Mitstreitern meinen Respekt für ihre so wichtige ökumenische und soziale Arbeit im Turabdin und im Nordirak auszudrücken! Angesichts schleichender wie offener Diskriminierung und Verfolgung sind die in diesen Regionen lebenden Christen auf vielfältige politische und gesellschaftliche Unterstützung angewiesen. Die Solidaritätsgruppe Turabdin und Nordirak engagiert sich hier vorbildlich und dafür danke ich allen Beteiligten ganz ausdrücklich“.

 

 

 

Die Solidaritätsgruppe bekam ein Geschenk von der “Föderation der Aramäer in Deutschland” FADS überreicht und zwar (von links 2. Reihe) von Shabo Hanna und Danyel Demir (Bundesvorstand). Sie dankten uns für unsere intensive Arbeit über 2 Jahrzehnte hinweg und hoffen, dass unsere Arbeit weiterhin zum Wohl der syrischen Christen im Turabdin fortgesetzt wird. Wir sagten herzlichen Dank für das schöne und überraschende Geschenk “Die verborgene Perle”. Wir freuten uns über die Teilnahme der FADS an unserer 20. Jahrestagung  und wünschen uns, dass wir uns immer wieder wahrnehmen und beachten und in unserer Arbeit auch ergänzen sowohl im Turabdin als auch im Nordirak. Das Leitungsteam der Solidaritätsgruppe: 1.Reihe von links: Janet Abraham – Ernst Ludwig Vatter – 2. Reihe von rechts: Dr. Shabo Talay – Thomas Prieto Peral – Horst Oberkampf.

 



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