Oft habe ich diese Bitten während unseres Besuches gehört: Vergesst uns nicht, helft uns, betet für uns. Hoffnung spiegelt sich darin wider, aber auch erlittenes Leid und Erwartungen, die an uns gerichtet sind. Für mich persönlich war dieser Besuch ein besonderer Besuch. Er bestand für mich aus zwei Teilen: Der erste Teil (22. – 30.6.2010) war ein offizieller Besuch einer ökumenischen Delegation, ausgehend von der Evangelisch Lutherischen Kirche in Bayern (München). Der Besuch wurde angestoßen, vorbereitet und durchgeführt von Kirchenrat Thomas Prieto Peral. Pfarrer Emanuel Youkhana, Mitarbeiter bei CAPNI war für die Organisation verantwortlich.
Zu dieser Delegation gehörten Vertreter und Vertreterinnen verschiedener Landeskirchen aus Deutschland, ein Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Vertreter der Reformierten Kirche in Zürich und ein katholischer Priester, Mitglied des Synodalrates im Kanton Zürich. Wir waren insgesamt 11 Mitglieder, also eine große Gruppe, davon waren 9 Mitglieder zum ersten Mal im Nordirak, 2 Mitglieder brachten Erfahrungen von verschiedenen Besuchen mit.
Was war unser Anliegen? Wir wollten uns ein authentisches Bild vorrangig über die Situation der Chri- sten in Irakisch Kurdistan und in der Nineveh Ebene ma- chen. Dazu dienten die vielen Begeg-nungen und Gesprä- che. Aber wir woll- ten auch ein Bild von der Umgebung der Christen bekommen, von den Menschen, mit denen die Christen zusammenleben. Wir wollten einiges über Kurden, über Muslime und Yeziden erfahren. Dass dies innerhalb einer Woche kaum zu machen ist, ist klar. Aber versuchen wollten wir’s!
Der zweite Teil (1. – 7.7.2010) war ein mehr persönlicher Besuch, den ich an die erste Woche anhängte. In Begleitung von Freunden besuchte ich Bekannte, aber auch neue Orte und konnte auf diese Weise so manchen Kontakt festigen oder neu knüpfen.
Stichwortartig möchte ich zunächst von beiden Teilen des Besuches einige Schwerpunkte nennen, ohne dabei das gesamte Programm zu erwähnen. Im Anschluss daran werde ich einige ausgewählte „Anmerkungen und Impressionen“ aus meiner Sicht darstellen. Ich werde keine zwei Berichte schreiben, sondern nur einen und werde meine Eindrücke vom zweiten Teil in den Gesamtbericht einfügen.
Erster Teil: Gespräch mit dem Leiter des deutschen Generalkonsulats in Erbil – in Telskuf: Vorstellung verschiedener Frauen Organisationen – Begegnungen mit Schülern und Studenten – Projekte in Sharafiya – Besuch des Klosters St. Hormiz in Alqosh – Gespräche mit beiden Hilfsorganisationen „Assyrian Aid Society“ (AAS) und „Christian Aid“ (CAPNI) – Gespräche und Begegnungen mit Politikern in Dohuk und Erbil – Besuch im Flüchtlingsdorf Hawresk und Teilnahme an der Feier der Grundsteinlegung der neuen Armenischen Kirche in Hawresk – Besuch des Heiligtums der Yeziden in Lalash – Besuch eines Kindergartens in Sheikhan (Projekt der Bayrischen Kirche) – Besuch des Syrisch orthodoxen Klosters Mar Mattai und Bischof Mousa – Besuch des Assyrischen Fernsehens „Ishtar“ – Besuch des Babylon College – Begegnungen und Gespräche mit Gemeindepfarrern aus Erbil, Diana, Kirkuk, Teleskof, Mosul und Bagdad – Besuch des Religionsministeriums von Irakisch Kurdistan und des Generaldirektors für „Anliegen der Christen“ – Begegnung mit den muslimischen Gelehrten, den Mullahs von Kurdistan in Erbil – Besuch des „Berliner Centers“ in Erbil, einem Rehabilitationszentrum für trauma-tisierte Patienten und Patientinnen – Besuch in Halabja, der Kurdischen Erinnerungsstätte an Leid und Unrecht vom März 1988 – Besuch des Vize- Parlamentspräsidenten Dr. Kirkuki im Parlament von Erbil – Besuch des „Orient Cultural House“ in Dohuk – Besuch des „Syriac Culture and Art“ in Erbil
ZweiterTeil: Gespräch mit „Assyrian Aid“ und Besuch der Kirche von Fishhabur und das Dorf „Sorka“ bei Semele, einem Flüchtlingsdorf – Ein Tag in Barwary Bala, einer der schönsten Regionen im Nordirak mit Besuch des Pfarrers in Kani-Masse, in Dure und in Bashmaye – Teilnahme an der Einsetzung des neuen chaldäisch katholischen Bischofs in Erbil – Besuch bei Erzbischof Dr. Louis Sako in Kirkuk (2 Tage) mit Besuch bei einigen Pfarrern in Kirkuk und Besuch des „Ishtar House“, einer Frauenorganisation in Kirkuk– Besuch im Nahla Gebiet bei Bischof Thoma in Hezane
Einer der Höhepunkte für mich war der erneute Besuch in Hawresk. Ich war zum dritten Mal dort. Es ist ein großes „Flüchtlingsdorf“, in dem 120 Familien armeni-scher Christen aus Mosul und Bagdad leben. Was war das besondere in diesem Jahr? Viele Men- schen scheinen Fuß gefasst zu haben. Sie denken nicht an Rückkehr, sie wollen hier in „ihrem Dorf“ mit den anderen zusammen leben. So mancher kleiner Garten rund ums Haus, das der ehemalige Finanzminister Mr. Sarkis Aghojan erbauen ließ, machte deutlich: Das ist unsere „neue Heimat“. Auch die Verwirklichung von manch kleinem Projekt wies in die gleiche Richtung: Ein neu aufgestelltes Folienhaus für Gurken und Tomaten, die auf dem Markt außerhalb oder im eigenen Dorf verkauft werden, sind Hinweise dafür: Wir bleiben! Oder eine kleine Brotbäckerei, die das Dorf mit Brot versorgen soll, weist in die gleiche Richtung. Es war ein besonderer Tag für Hawresk, als wir das Dorf besuchten. Ich hatte noch die Bitte im Ohr, die uns zwei Jahre zuvor bei unserem Besuch von den Bewohnern vorgetragen wurde: Helft uns, dass wir wieder eine Kirche bekommen, um unseren Glauben feiern zu können. Unterstützer wurden in der Zwischenzeit gefunden. Die Württembergische Landeskirche (Stuttgart) und die Bayrische Landeskirche (München) geben Zuschüsse neben anderen Unterstützern. Die Kirche kann geplant und gebaut werden. Die Freude darüber war an diesem Tag unter den armenischen Christen von Hawresk zu spüren, aber auch bei allen anderen, die sich um das Dorf und seine Zukunft kümmern. Der Armenische Erzbischof aus Bagdad Awak Asadourian, verantwortlich für die Armenischen Christen im Irak, war angereist, um die besondere Zeremonie der Grundsteinlegung für eine Kirche zu feiern.
Gebete, Texte und Gesänge begleiteten die symbolische Handlung: Vom Bischof gesegnete Steine, die jeweils einen biblischen Namen der Jünger oder der vier Evangelisten hatten, also 16 Steine, wurden an die fest- gelegten Stellen des Fundamentes eingemauert. Die heutige Kirche von Hawresk soll auf den Fundamenten der Jünger Jesu und der Evangelisten erbaut werden – ich denke, ein schönes und sprechendes Symbol, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kirche und des christlichen Glaubens zusammengeführt werden. Fritz Schroth, Mitglied der Kirchen- leitung von der Bayrischen Kirche überbrachte ökumenische Segensgrüße seiner Landeskirche aber auch im Namen unserer ökumenischen Dele- gation. Die Freude über die geplante Kirche, die in einigen Monaten realisiert sein soll, kannte keine Grenzen. Alle freuten sich mit dieser kleinen armenischen Gemeinschaft – ganz gleich zu welcher Kirche er oder sie gehörte – dass das Dorf in absehbarer Zeit wieder seinen spirituellen Mittelpunkt haben wird.
Die Freude wurde noch durch ein anschließendes Festessen gekrönt. Was wurde da nicht alles vorbereitet, gegrillt, gebraten, gebacken, geschlachtet und gekocht, damit die vielen Festgäste auch satt wurden und anschließend die große Dorfgemein-schaft auch. Es ist immer wieder beeindruckend, wie Frauen und Männer in einem Dorf, die nicht zu viel haben oder üppig leben können, eine solche Fülle auf den Tisch zaubern können, dass alle satt werden können. Biblische Erinnerungen an die Speisung der 5000 werden wach! Es war und ist ein unvergesslicher Tag!Beeindruckend für mich war die Leidenschaft, mit der diese Frauen sich um Anliegen und um Probleme der Frauen in der Gesellschaft kümmern. Sie werden beim Aufbau der Zivilgesellschaft und bei der Friedensarbeit ihren wesentlichen Beitrag leisten. Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Was alle miteinander verbindet ist die Klage über zu wenig Geld, mit dem sie ihre wichtige Arbeit finanzieren können. Oft genügen schon kleinere Beträge, die zugleich deutlich machen, dass ihre Arbeit gewürdigt und unterstützt wird. Um diese Arbeit machen zu können, gehört Mut und eine Vision dazu, dass viele solcher Gruppen tatsächlich das Gesicht der Welt verändern können. Ich habe große Hochachtung vor diesen Frauen, in dieser schwierigen Situation Veränderungen durchzusetzen. Und das geht bis zu einem neuen Verständnis der Rolle der Frauen in der irakischen Gesellschaft.
Bei meinem Besuch in Kirkuk hatte ich Gelegenheit, das „Ishtar House“, auch eine der Frauenorganisationen zu besuchen und vor Ort kennen zu lernen. Ich lernte im eigenen Zentrum das ganze Team kennen und konnte mich von der Notwendigkeit ihrer verschiedenen Angebote überzeugen, dass Frauen in ihren Rechten und Fähigkeiten gefördert werden müssen, um ihre Rolle in der Gesellschaft übernehmen zu können. Wir unterstützen seit einiger Zeit diese Organisation mit kleinen Beträgen, die aber nach Auskunft ihrer Vorsitzenden für sie und ihre Arbeit sehr wichtig sind.
Es war ein bewegender Besuch im „Berliner Zentrum“, das von Salah Ahmad, einem Familientherapeut, Kinder- und Jugendlichen Psychothe-rapeuten und seinem Team geleitet wird. Sehr eng arbeitet Salah Ahmad mit dem Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin zusammen. Er berichtete uns, wie wichtig diese Arbeit für Kinder und Erwachsene im Irak ist. Viele Menschen haben so viel Schlimmes und so viel Gewalt erlebt und gesehen, die in ihre Familien und in ihre Freundeskreise getragen wurde, dass ihre Seele verbogen wurde und ihr Leben voller Traumata ist. Sie brauchen therapeutische Hilfe, um überleben zu können und um ihren Platz in der Gesellschaft neu zu finden. Mediziner und Psychotherapeuten arbeiten zusammen, um die seelischen Verbiegungen dieser traumatisierten Menschen wieder zu beseitigen. Dazu diene dieses Haus, von denen es in der Zwischenzeit weitere Häuser im Irak gibt. Das Haus in Erbil wurde vom Deutschen Außenministerium finanziert und gefördert. Weitere Länder beteiligen sich an den Kosten, um diese wichtige Arbeit auszudehnen. Auch in Halabja soll ein entsprechendes Haus von Seiten der Deutschen Bundesregierung finanziert werden. Auffallend ist, so Salah Ahmad, dass die eigene Irakische Regierung in Baghdad und die Regierung von Irakisch Kurdistan bislang keine Unterstützung für diese Arbeit gibt. Über den Assyrischen Parlamentsabgeordneten Yonadam Kanna soll nachgefragt werden. Auch wir werden in unserer Delegation nachprüfen müssen, ob und wie wir diese wichtige Arbeit fördern können.
Salah Ahmad schrieb an mich per email am Tag meiner Rückkehr (7.7.2010):
„Ich hoffe, Sie sind gesund nach Deutschland zurückgekehrt und haben den Aufenthalt in Kurdistan genossen. Ich fand unser Treffen in Kurdistan sehr interessant und anregend. Es ist immer wieder schön, Personen zu treffen, die sich für Menschen einsetzen, die unter solch schweren Menschenrechtsverletzungen gelitten haben, wie das in den vergangenen 40 Jahren im Irak der Fall war. Diese Menschen leiden bis heute unter den Folgen von Traumatisierungen und körperlichen Schädigungen. Dabei beobachten wir immer wieder, wie solche psychischen Probleme die Familien der Opfer beeinflussen und besonders an die Kinder und auch die Frauen weitergegeben werden. Darunter leidet letztendlich die gesamte Gesellschaft. Bestimmte Teile der Gesellschaft haben keinen Anteil am Fortschritt und verhindern so die Entwicklung einer tragfähigen Demokratie, in der alle Menschen eine Chance auf ein gesundes und selbst bestimmtes Leben haben sollten. Dies gilt für alle Bevölkerungsgruppen, für alle Bildungsschichten und alle ethnischen oder religiösen Gruppierungen.
Ich denke, durch unsere Arbeit in den vergangenen 5 bis 6 Jahren konnten wir viel dazu beitragen, dass den Opfern von Folter und Gewalt sowie auch deren Familien geholfen werden konnte. Bis jetzt haben wir über 3.000 Patienten an vier verschiedenen Standorten gesehen. Es bleibt aber noch viel zu tun. Aus Deutschland wissen wir, dass Trauma auch nach über 60 Jahren noch aufbrechen und Menschen erschüttern können. Daher ist es wichtig, dass wir unsere Arbeit fortsetzen und auf stabile Kooperationen bauen können. Ich freue mich deshalb besonders, dass von Ihrer Seite so viel Interesse an unserer Arbeit gezeigt wurde. Gerne würde ich unseren Kontakt intensivieren und die angesprochenen Ideen mit Ihnen ausbauen“.
Wir hatten Gelegenheit, mit verschie-denen Pfarrern in unterschiedlichen Situationen zu sprechen. Sie kamen aus Erbil, aus Telskuf, aus Mosul (jetzt aber in Telskuf, weil die Situation zu gefährlich ist!), aus Diana, aus Kirkuk, aus Bagdad. Sie gehören der Assyrischen Kirche des Ostens, der Armenischen Kirche und der Syrisch Orthodoxen Kirche an. Sie berichteten von ihrer Gemeindearbeit und teilweise von ihrer persönlichen Situation. Die Pfarrer, die aus Kirkuk kamen, besuchte ich später bei meinem Aufenthalt in Kirkuk, sofern sie zu Hause waren.
Ich war beeindruckt von der kreativen und vielfältigen Arbeit, die sie in ihren Gemeinden aufgebaut haben. Neben dem Gottesdienst als „ErstesProgramm“ haben die Gemeinden, sofern die Situation es zulässt, ein um- fangreiches „Zweites Programm“ in der Gemeindearbeit entwickelt, das Schwerpunkte vor allem im Bereich Kultur, Kommuni-kation und Gemein-schaft aufzuweisen hat. Es reicht von Glaubenskursen über musische und handwerkliche Kurse bis hin zu Ausflügen und Festen. Wichtig sind vor allem auch Kurse für die Ausbildung von Diakone. Manche Gemeinden bekommen ihr Profil durch eine besondere Aktion so z.B. in Kirkuk die assyrische Kirche mit einer Grundschule, die für alle zugänglich ist und im September 2010 wieder mit einem Unterrichtsangebot beginnt. Diana z.B. macht Ausflüge und fördert den Zusammenhalt unter den Gemeinden – Diana liegt abseits und sucht die Gemeinschaft! Die Assyrische Gemeinde in Telskuf bietet Glaubenskurse, Gesangskurse für die Liturgie und sportliche Kurse an. Auch in der humanitären Arbeit engagierte sich die Gemeinde vor allem bei der Verteilung von Lebensmittel. Geplant sind zwei Projekte: Ein Kindergarten – nur der Sponsor fehlt – und Angebote für Jugendliche innerhalb der Kirche. Der Assyrische Pfarrer aus Mosul wohnt zur Zeit bei seinem Kollegen im fast benachbarten Telskuf und hilft ihm in der Gemeinde. Aus Sicherheits-gründen hat er seinen Platz gewechselt. Alle Bischöfe leben außerhalb von Mosul. Christen können gegenwärtig kein christliches Lebenin Mosul führen, sagte er uns. Die Situation ist sehr instabil und gefähr- lich. In verschiede- nen Gesprächen wurde der Anschlag vor einigen Wochen auf den Bus der Studen- ten erwähnt, die zur Uni wollten. Tote und Verletzte forderte leider die- ser Anschlag, der in Mosul und Umge- bung große Unruhe verursachte.Der Assyrische Pfarrer von Baghdad berichtete: Von 6 Gemeinden sind nur noch vier aktiv; zwei Kirchen wurden zerstört. Die Zahlen der Familien sind sehr rückläufig. Gegenwärtig leben etwa noch 1200 – 1500 Familien in den assyrischen Gemeinden; vor dem Krieg 2003 umfaßte jede Gemeinde etwa 1200 Familien. Trotz Angriffen und trotz gefährlicher Situation versuchen die Gemeinden ein an die Situation angepasstes Gemeindeprogramm durchzuführen mit Treffen, Vorträgen, Ausbil-dungskursen für Diakone und mit Festen. Die Konfessionen rücken näher zusammen, um sich gegenseitig zu stärken. Seine Botschaft war: „Die Kirche in Baghdad arbeitet noch, sie ist noch da!“ Sie erbittet Unterstützung aus dem Ausland, um überleben zu können.
Unisono war zu hören: Wir würden gerne noch mehr machen in unseren Gemeinden, wenn wir das nötige Geld hätten. Klar, Gemeindearbeit mit Erstem und Zweiten Programm ist immer mit Kosten, also mit Geld verbunden. Wenn es fehlt, muss weniger gemacht werden. Dennoch ist es wichtig, unsere Kollegen zu unterstützen und damit ihre Gemeinden, damit sie etwas vom ökumenischen Zusammenhalt spüren und sehen.
Vom Tigris, von Fishhabur herkommend, besuchte ich mit Napoleon von AAS ein Flüchtlingsdorf in der Nähe von Semele. 35 Familien wohnen in diesem Dorf. AAS hat Kontakte. Fünf Mal wurden in den letzten Monaten Lebensmittel in diesem Dorf verteilt. Die Bewohner bedankten sich herzlich dafür!
Als wir kamen, wurden sofort die Stühle gerückt; Zeichen dafür, dass wir uns setzen sollten. Zuerst war das vor einem Privathaus – die kleinen Gärten vor dem Haus fielen auf, sie waren liebevoll hergerichtet, Blu- men blühten, das Grün des Rasens leuchtete gegen den Staub an – später saß man vor der Kirche. Man war gleich mit dabei. Tee, Wasser und Saft wurden gereicht und die Dorfbewohner mit ihrem Muhtar hielten nicht hinter dem Berg, was sie in ihrem Dorf bekümmert. Die Häuser, in denen sie wohnen, wurden von Mr. Sarkis gebaut. Es ist ihr Eigentum. Aber: Das Material ist schlecht, manches Haus muss renoviert werden. Probleme bereitet die Finanzierung. Der größte Teil der Felder gehörte den Bewohnern. Jetzt aber hat das Landwirtschaftsministerium den größten Teil an sich genommen und sie als ursprüngliche Besitzer müssen nun das Land mieten. Das kann doch nicht gut sein, meinten sie!Ein ganz großes Problem bereitet gegenwärtig das Trinkwasser hier in ihrem Dorf und in der ganzen Region. Chemische Stoffe haben das Wasser verunreinigt. Man weiß nicht, wer diese Stoffe dem Wasser beigegeben hat. Das Wasser kann nicht getrunken werden. Sie sind auf Flaschen angewiesen, die sie kaufen müssen.
Die Regierung hat den Bau einer Grundschule zugesagt. Die Schüler müssen sonst nach Semele in die Schule gehen. Die Transportkosten werden bislang von AAS übernommen, aber wie lange? AAS wies immer wieder auf das Problem der Transportkosten von Schülern hin. Eigentlich ist das Aufgabe der Regierung in Dohuk. Sie kommt mit der Bezahlung immer wieder in Verzug. AAS streckt Fehlbeträge von Geldern vor, die eigentlich für andere Projekte bestimmt sind. Dadurch kommt die ganze Planung durcheinander. Für AAS sind die Transportkosten gegenwärtig das größte Problem, weil sie Kosten übernehmen, für die sie nicht aufkommen müssten.
Jung verheiratete Paare haben keine Häuser und dürfen auch keine bauen. Sie müssen bei ihren Eltern wohnen, was auf Dauer nicht gut ist.
Wir verblieben so, dass an AAS ein Antrag geschickt werden soll. Der Antrag soll Hintergrundinformationen über das Dorf und über die Bewohner enthalten. Weiter soll deutlich werden, welches Projekt ihnen jetzt wichtig ist, wie hoch die Kosten für das Projekt sind und welches ihr Eigenbeitrag ist. Dann können wir in Absprache mit AAS sehen, ob wir etwas machen können und was.
Schon der äußere Eindruck machte deutlich, wir sind hier in einem wichtigen und einflussreichen Ministerium. Die Größe des neu erbauten Ministeriums, die Zahl der Mitarbeiter und das überdimensionierte Büro des Religionsministers, in dem wir empfangen wurden, sprachen ihre eigene Sprache.
Überraschend für mich war die Begrüßung durch den Religionsminister: „Wir danken Gott, dass wir auf eine lange Koexistenz zwischen Muslimen und Christen blicken können“. Der Satz hört sich gut an, aber entspricht er auch der Realität? Ich denke nicht nur an die guten Beziehungen der
Vergangenheit und der jüngsten Gegen wart, sondern auch an die vielen Spannungen zwischen Assyrern, die Christen sind und zwischen Kurden, die sunnitische Muslime sind, Spannungen, die ethnische und religiöse Gründe haben. Da bekommt dieser Satz nochmals eine ganz andere Bedeutung. Unsere Botschaft heute, so der Religionsminister, lautet: „Wir setzen uns für ein friedliches Zusammenleben ein“. Weiter betonte er: „Wir wollen einen unabhängigen Irak haben ohne Einmischungen aus dem Ausland“.
Im Gespräch mit den „Mullahs“, mit den „Gelehrten“ wurde deutlich, dass sie sich für Fortbildungskurse der Imame einsetzen. Es wird darauf geachtet, dass in den Freitagsgebeten „richtig“ gepredigt wird. Vorgaben werden vom Staat geliefert. Ich hatte den Eindruck, als ob der Staat hier wesentlich bestimmt, was „richtig“ ist bzw. was nicht stimmig ist.
Im Religionsministerium gibt es vier sog. „Generaldirektorate“: Zwei sind für die Anliegen der Muslime, eines ist für die Anliegen der Christen und eines für die Anliegen der Yeziden zuständig.
Kurdistan ein „Rechtsstaat“ sind. Sein Anliegen ist es, dass jeder den anderen anerkennen müsse. „Ich lasse nicht zu, dass einer von anderen gezwungen wird, seine Meinung anzunehmen“, betonte der Beauftragte für „Christliche Anliegen“ und Angehöriger im Religionsministerium. „Wir haben einen Gott – Christen und Muslime – und leben zusammen im gleichen Land“, so Mr. Khalid.
Das ist wohl gegenwärtig eine der schwierigsten Aufgaben und eine der schwierigsten Entscheidungen für die Christen im Irak: Sollen sie bleiben oder nicht? Können sie bleiben oder nicht? Wenn ja, was wird getan, dass sie bleiben können? Wenn nein, wo sollen sie hin? Die Nachbarländer Syrien und Jordanien und andere haben schon viele irakische Flüchtlinge aufgenommen – Christen, Yeziden, Muslime usw. Das resettlement Pro- gramm auf europäischer Ebene, das von der UNO und von einigen euro- päischen Ländern im letzten Jahr umgesetzt wurde, ist abgeschlossen. 10 000 Flüchtlinge, davon 2500 in Deutschland wurden aus humanitären Gründen aufgenommen – nicht nur Christen, auch andere.
Dieses Programm fand im Irak nicht nur Befürworter. Manch kritische Stimme wurde laut, die uns gegenüber geäußert wurde. Kirchenleute und Politiker meinen, mit diesem Aufnahme-Programm könne eine „Sogwir- kung“ ausgelöst werden, die für die Situation der Christen und ihre Kirchen im Irak nicht gut sei. Sie baten uns, von einer weiteren Aufnahme bei uns abzusehen.
Statt Christen aufzunehmen, sollen Christen in ihrer Heimat unterstützt werden und zwar so, dass sie zum Bleiben statt zum Gehen ermutigt wer- den. Diese Stimme haben wir verschiedentlich gehört. „Christen sollen in ihrer Heimat bleiben“, so empfahl es der armenische Erzbischof Awak Asadourian aus Baghdad, der zugleich Generalsekretär des kürzlich neu gegründeten Rates der Kirchen im Irak ist. Dieser Rat wurde gegrün- det, damit die verschiedenen Kirchen und Bischöfe möglichst mit einer Stimme sprechen können.
Ähnlich äußerte sich der assyrische Abgeordnete im Parlament von Baghdad Yonadam Kanna in Erbil bei einem Gespräch: „Helft uns, dass die Christen hier bleiben, das ist gegenwärtig meine Botschaft!“ Er befür- wortet eine kultu- relle und religiöse Zone für die Christen in der Nineveh Ebe- ne, wie sie in der Irakischen Verfas- sung für die Christen vorgesehen ist. Es geht heute mehr denn je um friedliche Lösungen und nicht um Gewalt. Alle Maßnahmen müssen friedlich, rechtmäßig und legal sein. „Unterstützt uns mit kleinen humanitären Projekten, die uns einen Weg in die Zukunft weisen“, so der Politiker aus Baghdad. In Amadya sagte der Kurdenführer Mohammad Muhsen u.a.: Es sei besser, wenn die Flüchtlinge hier in ihrer Heimat blieben statt ins Ausland zu gehen. Hier sollten Programme unterstützt werden. Bleiben sei besser als die Hand aufhalten zu müssen und Geld zu verlangen, weil sie keine Arbeit haben.Auch der Chaldäisch Katholische Erzbischof Dr. Louis Sako aus Kirkuk, für mich eine starke Stimme im Konzert der Bischöfe im Irak äußerte sich ähnlich. „Es ist unsere Verantwortung, dass die Christen hier bleiben… Die Heimat der Christen ist hier“. „Dass Christen bleiben, ist meine Vision“, sagte Bischof Louis.“ Wir glauben, dass Gott uns hier und für hier erschaffen hat“. Die Christen müssen zum Bleiben ermutigt werden. Es gehe jetzt nicht in erster Linie ums Geld, sondern vor allem um den Zusammenhalt der Christen und um die Einheit. Sie kommt darin zum Ausdruck, dass die Christen im Ausland uns Christen im Irak angesichts unserer schwierigen Situation nicht vergessen. Weiter sagte er: „Christus ist traurig. Wir Christen sind nicht eins. Die Einheit der Christen ist heute wichtiger denn je. Wir sprechen so viel über Liebe und Friede und sind doch geteilt. Wir sprechen zu viel und tun zu wenig“.
Alle Projekte, die wir z.B. über die beiden Hilfsorganisationen „Christian Aid“ CAPNI (Christian Aid Program Northern Iraq) und „Assyrian Aid Society – Irak (AAS-I) in den zurückliegenden Jahren mit Unterstützung vieler Einzelpersonen und unserer Kirchen durchgeführt haben und in Zukunft auch im Rahmen unserer Möglichkeiten weiter durchführen wollen, dienen dazu, den Christen zu helfen und die Christen im Irak zum Bleiben zu ermutigen. Wir hoffen, dass sich weitere Unterstützer finden werden, die uns bei der Durchführung dieser „großen Aufgabe“ helfen werden.
Alle Gesprächspartner, auch wenn sie hier nicht erwähnt werden, beton- ten unisono: Tut alles, dass die Christen in ihrer Heimat bleiben!
Wir besuchten Halabja. Es war für mich ein emotionaler Höhepunkt unse- rer Reise. Für mich war es schon lange ein Wunsch, in Halabja meine Soli- darität mit den vielen Opfern zum Ausdruck zu bringen, die am 16. März 1988 durch einen Giftgas Anschlag, ausgeführt von Saddam Leuten – ver- antwortlich war der sog. „Chemie Ali“ – ihr Leben verloren. Heute ist es die zentrale Gedenkstätte der Kurden.
Etwa 5000 Kurden und Assyrer kamen damals qualvoll ums Leben, mehr als 10 000 Menschen erlitten schwerste Verletzungen. Der Angriff auf Halabja war nur eines von vielen Verbrechen, das von Seiten des irakischen Baath Regimes an den Kurden und Assyrern verübt wurde. Im Rahmen der „Anfal Offensive“ soll an vielen Orten Giftgas gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt worden sein.
Was uns Deutsche den Besuch in Halabja so schwer macht, sind einmal die vielen Opfer und dann die Tatsache, dass deutsche Firmen bei der Lieferung von Giftgasproduktionsanlagen mit beteiligt waren. Die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ in Göttingen hat wesentlich dazu beigetragen, dass dieses Massaker samt den Tätern damals öffentlich wurde. Einige Mitarbeiter betroffener Firmen wurden damals vorübergehend festgenommen. Ihre Gerichtsverfahren endeten mit Bewährungsstrafen, Freisprüchen und Einstellungen.
(Anmerkung: Es liegt eine aktuelle Kleine Anfrage von Seiten der Fraktion DIE LINKE im Bundestag vor vom 25.2.2010, in der es um „Entschädigung der Opfer des Giftgas-Massakers von Halabja 1988“ geht.)
Vom Distriktsgouverneur wurden wir freundlich begrüßt und willkommen geheißen. Er freute sich, dass wir als ökumenische Delegation aus Deutschland und der Schweiz diesen Ort der Trauer aufgesucht haben, um unsere Solidarität zum Ausdruck zu bringen und teil zu haben am Schmerz der Kurden und Assyrer. Er gestattet uns, auf dem Friedhof zu beten.
Nach einer Information, die uns der Direktor der Gedenk-stätte gegeben hatte, gingen wir schwei- gend durch die Gedenkstätte und das Museum, in dem in ergreifenden Sze- nen einige Situa- tionen nachgestellt waren, um zu verdeutlichen, wie die Menschen vom Giftgas Angriff überrascht wurden. Als ob diese menschlichen Puppen lebendig seien, so wirkten sie auf mich. Ihre Bewegungen, in denen sie sich beim Angriff gerade befanden, waren wie echt. Verkrampft waren Menschen und Tiere. Ihre Körper waren ein einziges Fragezeichen. Warum? Und die vielen Fotos, die von zwei Fotographen aufgenommen waren, die sich gerade in Halabja aufhielten, sprechen ihre eigene Sprache. Da war jedes Wort zu viel – nur Schweigen und Trauer waren angebracht.Ich fragte mich: Warum ist dieses Giftgas in der Zwischenzeit nicht weltweit geächtet? Wer diese Bilder und diese Szenen gesehen hat und sieht, wie viele Menschen bis auf den heutigen Tag unter den Folgen dieses Massakers zu leiden haben, der muss sich stark machen für ein weltweites Verbot, für eine weltweite Ächtung von Giftgas. Da kann es kein Wenn und Aber und kein Ausweichen geben!
Die letzte Station war der Friedhof, auf dem die Betroffenen vielfach in Massengräbern ihre letzte Ruhe fanden. Als Ausdruck unserer Mittrauer legten wir einen Kranz nieder. Nach einer Schweigeminute hielten wir eine kurze Meditation mit einem Fürbittegebet und dem Vaterunser. Für uns als Gruppe war es ein bewegender Höhepunkt an diesem nicht ganz einfachen Tag. Es wird sicher noch nicht oft vorgekommen sein, dass eine Gruppe von Christen unter Anteilnahme der kurdischen Öffentlichkeit an diesem Mahnmal betete und schwieg. Wir hatten dazu die Genehmigung bekommen. Uns war das Gebet an diesem Ort wichtig, Wir wollten uns einreihen in die große Zahl der Mit-Trauernden. Ich hoffe, unser Anliegen wurde verstanden!
Wir wollen aber nicht nur die Hände zusammenlegen und beten, sondern, wie Dietrich Bonhoeffer sagte, auch das andere tun, er sprach vom „Tun des Gerechten“. Überlegungen nahmen Gestalt an: Wir wollen ein Zeichen der Versöhnung, des Lebens und der Hoffnung setzen. Wir wollen etwas für die Zukunft der Kinder in Halabja tun. Vielleicht einen Spielplatz oder einen Fußballplatz oder einen „Garten der Versöhnung“ oder ein Spielzimmer in einem Kindergarten übernehmen. Vielleicht können wir dies in Zusammenarbeit mit dem „Berliner Zentrum“ in Erbil verwirklichen, das in Halabja auch ein Therapiehaus für traumatisierte Patienten aufbauen möchte.
Ich hatte nach dem Gottesdienst Gelegenheit die Segenswünsche unserer Delegation an Bischof Bashar zu übermitteln, den wir einige Tage zuvor bei einem Gespräch im Babylon College getroffen hatten. Beim anschließenden Essen wurde der Bischof sehr volkstümlich mit Trommeln und Tänzen in die Halle geleitet und zum Teil auf den Schultern von Gemeindegliedern herein getragen. Das war schon eindrucksvoll, wenn der Bischof zu Beginn so Gemeinde nah begrüßt und in die Mitte genommen wird.
Sein Anliegen ist, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen und ihre Familien anzusprechen ohne dabei die Älteren zu vergessen. Ein Chor mit jungen Erwachsenen bereichert den Gottesdienst mit modernen Liedern, die auf einem E-Klavier begleitet werden. Biblische Lesungen, Gebete und liturgische Texte werden von verschiedenen Gottesdienst Teilnehmern und Teilnehmerinnen gelesen, viele Texte werden von der Gemeinde gemeinsam gesprochen. Die Eucharistie ist Höhepunkt und Kraftquell für den Alltag und offen für jeden, der kommen will, auch für mich als Evangelischen Mitchristen. Der Bischof sagte mir: „Die Tradition genügt nicht, die dogmatischen Trennungen versteht heute keiner mehr; wir müssen up to date sein, denn wir leben nicht in der Vergangenheit, sondern heute. Der Weg geht weiter. Wir müssen so predigen, dass die Botschaft heute verstanden wird“. Ein wahres Wort aus dem Munde eines liberalen Bischofs!
Im Anschluss an den Gottesdienst trifft man sich noch im großen Vorhof der Kathedrale, spricht miteinander, sagt Hallo oder tauscht sich aus über Neuigkeiten. Die Gemeinschaft im Gottesdienst setzt sich fort vor der Kirche.
Das Leben in dieser Gemeinde in Kirkuk ist lebendig. Das wurde deutlich, als mir der Bischof sein Gemeindezentrum zeigte. Seine Projek- te spiegeln sich in verschiedenen Räu- men wider: Ein Kindergarten wurde eingerichtet – eine Krankenstation mit verschiedenen medi- zinischen Geräten samt Apotheke wur- de eröffnet – ein PC Raum für verschiedene Kurse ist nicht mehr weg zu denken – ein Fitness Raum für Erwachsene gibt es – ein Laden mit christlichen Symbolen, Büchern und Kerzen ist vorhanden – eine Bibliothek mit über 3000 Büchern zum Leben und Ausleihen gehört dazu und ein großer Raum für Feste, der ganz in blau gehalten ist – der Himmel soll sich hier widerspiegeln, so der Bischof. Gegenwärtig werden 30 Kinder auf ihre Erstkommunion vorbereitet und die Sommerkurse (Glaubenskurse und Spielangebote) beginnen. 20 Mitarbeiter sind insgesamt im Gemeindezentrum, Kathedrale und Bischofshaus angestellt.Man spürt: Die Diözese lebt, sie blickt nach vorne, die Menschen halten zusammen, der Bischof freut sich auf die Weihe von zwei jungen Diakonen zu Priestern. Einer davon ist verheiratet. Das ist aber kein Hindernis, sagte der Bischof. Wir brauchen jeden, der von Gottes Botschaft erfüllt ist. Der Weg geht weiter!
Am Sonntagvormittag besuchte ich auch noch die anderen Kirchen und Konfessionen in Kirkuk, sofern ich die Pfarrer antraf. Zum Teil hatten wir uns schon in Erbil getroffen und kennen gelernt. Ich besuchte den jungen armenischen Pfarrer in seinem Zentrum, der gegenwärtig über den Neubau einer neuen Kirche und die Gestaltung der zerstörten Friedhofsmauer nachdenken muss. Ich schaute noch kurz nach dem Pfarrer von der Kirche des Ostens, der verantwortlich ist für eine große Grundschule, die jedem offen steht, wenn die Eltern es wollen. Auch einen Evangelischen Pfarrer besuchte ich kurz, der seit etlichen Jahren in Kirkuk ist. Er gehört zur evangelikalen Gruppierung. Er erzählte mir, dass Mitglieder zum „engen Kern“ gehören, während viele Besucher kommen und wieder gehen und weiterhin ihrer Kirche angehören. Welche Absicht steckt letztlich dahinter? Wenn in einer solchen Umgebung eine solche Gruppierung anzutreffen ist, habe ich meine Vermutung! Bischof Sako lädt ihn zu ökumenischen Angeboten nicht mehr ein.
Es war Sonntag, 4. Juli, 15.00 Uhr. Ein Ohren betäubender Knall war zu hören, ob in der Nähe oder weiter weg, war zunächst nicht auszumachen. Ich war im Bischofshaus in meinem Zimmer. Ich hörte, wie Fensterscheiben zerbrachen und die Rahmen der Fenster auseinander fielen, auch in meinem Zimmer. Was war passiert?
Ich verließ mein Zimmer, um nach den anderen zu schauen. Überall lagen zerbrochene Scheiben. Sehr schnell erfuhren wir die Ursache. 150 m vom Bischofshaus entfernt war eine Autobombe fern gezündet worden. Das Auto stand vor dem Büro eines einflussreichen sunnitischen Imam, der für den Besitz der Moscheen verantwortlich ist. Gegen ihn war die Bombe gerichtet. Von wem, war unbekannt. Er und seine Bodyguards wurden verletzt. Zu Tode kam Gott sei Dank niemand.
Das Auto war ein einziger Trümmerhaufen, so schon leider oft gesehen im Fernsehen, wenn über solche Anschläge berichtet wurde. Die Straße war übersät von Fetzen, elektrische Leitungen waren gerissen und hingen zu Boden. Eine große Druckwelle ging von dieser Bombe aus und ließ die Fenster im nahe gelegenen Bischofshaus splittern. Der Schreck saß uns allen in den Knochen. Plötzlich war die Gefahr ganz nahe. Und ich dachte bei mir: Die Menschen in Kirkuk, in Baghdad, in Mosul und in anderen Städten müssen Tag für Tag mit dieser Angst und mit dieser Ungewissheit leben. Wann und wo explodiert wieder eine Bombe, bin ich der nächste? Wir sind mit dem Schrecken davon gekommen, Gott sei’s gedankt!
Am Abend feierten wir Gottesdienst in der Kathedrale. Und es war, als ob alle Angst und alle Ungewissheit und aller Schrecken aufgefangen würde von der Kraft der Lieder, der Gebete, der Eucharistie und der Gemeinschaft, die im Gottesdienst erlebbar war. Ein schönes Erlebnis, das meiner Seele an jenem Abend gut getan hat. Ich denke, die Christen im Irak leben von dieser Kraft, die von dieser Botschaft ausgeht und die in der Mitte des Gottesdienstes steht – nicht erst jetzt, seit hunderten von Jahren.
Ihr Kommentar